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Die Texterin

Von allen Satzzeichen ist mir der Gedankenstrich das liebste. Genau dieser lässt sich im Web gar nicht abbilden; für die nachfolgenden Ausführungen wird also um etwas Vorstellungskraft gebeten. Der Halbgeviertstrich oder Streckenstrich – eine herrliche Wortanalogie! – ist ein Halbgeviert lang. Oder eben einen Gedanken.

Der Gedankenstrich unterbricht einen Gedankengang und signalisiert dem Leser: Mach Denkpause! In Appositionen, bei Parenthesen und erklärenden Einschüben kann er das Komma ersetzen. «Ein verschmitztes Lächeln – oder war es Ironie? – huschte über sein Gesicht.» Oder aber er betont einen Gegensatz: «Es war alles so einfach – und doch schier unmöglich.» Zwischen zwei Sätzen eingefügt, kann der Gedankenstrich einen Perspektivenwechsel verdeutlichen: «Sie freute sich über die Schönheit der Landschaft – für ihn war es harter Alltag.» Als Auslassungsstrich stellt der Gedankenstrich eine längere Pause oder einer Ellipse dar: «Glaubst du wirklich –» Oder aber er wird zur Gegenüberstellung verwendet: «Er hier – sie dort» Und sogar für Öffnungszeiten oder Termine kommt er zum Einsatz: «Heute offen von 6 – 24.00 Uhr.»

Ein kleiner Strich mit unendlich vielen Möglichkeiten. Schön, dass sich ein so gefühlsarmes Regelwerk wie die Zeichensetzung Gedanken zu einer Sache macht, die längst zur Nebensache geworden ist – schade nur, dass es Schreiber und Leser selten auch tun.